Die folgenden Zeilen sind unter Mithilfe von Frau Rüggemeier aus Langenholzhausen entstanden.
Die Auswanderer aus Lippe und Langenholzhausen im 19. Jahrhundert.
Auf ein besseres Leben hofften etwa 20.000 Auswanderer aus Lippe. Sie verließen ihre Heimat, um in der neuen Welt ihr Glück zu suchen. Wirtschaftliche Not, Glaubensfragen oder auch Abenteuerlust ließen die Menschen von einem besseren Leben träumen und die beschwerliche und gefährliche Reise über den Atlantik auf sich nehmen. Ziel war fast immer die USA.
Friedrich Wilhelm Reineking führte 112 fromme Dörfler aus Langenholzhausen, von denen die meisten nicht länger auf den von der Obrigkeit verbotenen Heidelberger Katechismus bei den Gemeindeveranstaltungen verzichten wollten, im Jahr 1847 nach Wisconsin. Nordwestlich von Milwaukee gründeten sie ihr „Neu Lippe“ mit dem zentralen Ort Hermann als Mittelpunkt.

Die Überfahrt mit dem Segler „ Agnes von Bremen“ und die „Bremer Straße“.
In Bremen bestellten 24 Familien, 13 junge Männer und zwei unverheiratete Frauen den Segler „Agnes von Bremen“ für die Überfahrt. Ziel war zunächst New York mit Weiterfahrt nach Iowa. Das Schiff war mit nahezu 400 Passagieren überladen. Neben einer unbeschreiblichen Enge mussten die Auswanderer fehlende sanitäre Anlagen ertragen. Hunger, Durst und Krankheiten an Bord führten schon früh zu drei Todesfällen unter den Langenholzhausern.

So oder ähnlich sah die Agnes von Bremen aus.
Der Kapitän ließ seine Passagiere bereits in Quebec (Kanada) an Land gehen. Von dort ging es mit verschiedenen Verkehrsmitteln nach Sheboygan, einem kleinen Fischerdorf am Lake Michigan. Dort kümmerten sich bereits zuvor eingetroffene Deutsche um die abgerissenen und völlig verarmten Lipper. Aufgrund der leeren Kassen wurde beschlossen, auf die Weiterreise nach Iowa zu verzichten.
Von dem letzten Geld kaufte Wilhelm Reineking einem Agenten etwa 400 Hektar Wald und Weideland für seine Gruppe in der Wildnis ab.
Zur Erinnerung benannte die Gemeinde Langenholzhausen nach dem Startort der Reise eine Dorfstraße als: „Bremer Straße“, in der dieses Schild steht.
Der Winter im Erdloch
Sobald sich die Lipper niedergelassen hatten, begannen sie, ihre aus der Heimat vertrauten Fachwerkhäuser zu errichten. Bis diese fertiggestellt waren, lebten sie in mehr oder weniger dichten Laubhütten. Mit dem ersten Schneefall musste der Bau eingestellt werden, und die Siedler aus Langenholzhausen zogen in Erdhöhlen, die nur notdürftig vor Kälte und Nässe schützten. Der erste Winter war von unbeschreiblicher Not geprägt. Kälte sowie Nässe forderten unter den Aussiedlern einige Todesopfer. Ein wenig Geld verdiente man durch die Herstellung von Holzschindeln, eine aus der alten Heimat bekannte Fertigkeit. Die Schindeln wurden in der Stadt verkauft.

Foto: Rüggemeier-erste Laubhüttenunterkünfte
In diesem Winter kehrte auch schnell Langeweile ein. Die frommen Lipper vertrieben sie mit einer lieben Gewohnheit aus der Heimat: Nicht nur sonntags sondern auch an allen anderen Tagen wurden in den größeren Erdhöhlen Gottesdienste gehalten und aus dem Heidelberger Katechismus vorgelesen.

Erste Schritte in der Landwirtschaft
Mit der Schneeschmelze begann man Bäume zu roden und auf die gewonnenen Äcker Saatgut auszubringen. Allerdings mussten die Siedler schnell Lehrgeld bezahlen: Die Boden- und klimatischen Verhältnisse waren anders als in Langenholzhausen. Deshalb fiel die erste Ernte sehr schlecht aus. Erst in den folgenden Jahren lernte man, dass Mais und Bohnen auf den neuen Äckern besser gediehen als die bekannten Früchte der Heimat. Auch in die Weidewirtschaft investierte man. Allerdings war der zweite Winter (1849) so hart und streng, dass alle Tiere geschlachtet werden mussten, um den größten Hunger zu besiegen.
Viele Familien zogen weiter
Die Einkünfte aus der Landwirtschaft reichten nicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Deshalb wanderten die Männer oft wochenlang in entfernte Gebiete, um als Zimmerleute, Maurer oder Hilfsarbeiter das schmale Familieneinkommen aufzubessern. Eine gängige Praxis schon zu Langenholzhauser Zeit. Dabei lernten sie Gegenden kennen, die geeigneter erschienen für die Landwirtschaft. Nicht wenige Familien zogen weiter bis nach Minnesota oder Nebraska. Dort bildeten sich weitere „New Lippes“ und stets die eigenen, evangelich-reformierten Kirchengemeinden. Untereinander hielten die Langenholzhauser trotz der Siedlungszersplitterung stets den Kontakt.
Die Nachkommen der Aussiedler
Ab 1860 brachten es nicht wenige Auswanderer durch Sparsamkeit, Fleiß und die erlernten Berufe zu einigem Wohlstand. So war es in christlicher Nächstenliebe vielen Familien möglich, die in der alten Welt daheim gebliebenen zu unterstützen. Bis hin in die Neuzeit blieben viele Familien immer der landwirtschaftlichen Tradition verbunden. Viele Höfe haben sich bis heute baulich kaum verändert. Der damalige Zusammenhalt ist geblieben. In der Region Herman Town gibt es Schulklassen und Grabsteine auf den Friedhöfen, die von deutschen Namen geprägt sind.

Foto Rüggemeier: erster Aussiedlerhof
In dem folgenden Tondokument hören sie Frau Rüggemeier, die über die Kontakte zwischen Langenholzhausen und der Partnergemeinde Hermann Town berichtet:
Quelle: Friedrich Schütte, Westfalen in Amerika (S.148-155)